18. Dezember 2014

Georgisch als Kuchen

Die Georgische Sprache, ქართული ენა (Kartuli Ena), lässt sich für mich als Lernenden unterdessen mit einem etwas zu gross geratenen, selbstverständlich viel zu süssen (es ist ja schliesslich Georgisch), Stück Kuchen vergleichen, dass so schnell wie möglich gegessen werden soll.

Man meint dabei, jeder Bissen schmecke gleich, nämlich süss, und meint ausserdem, man komme nicht voran, da das Stück so gross ist. Wenn ausserdem noch grosse Brocken des Kuchens so hart sind, dass man sie am Stück essen muss, obwohl das eigentlich nicht geht, ist man ganz beim Georgischen, abgesehen vom Verbensystem vielleicht. Dieses liesse sich vielleicht auch noch im Kuchen abbilden, wenn jeder süsse Bissen in einer Vielzahl von verschiedenen Kombinationen von irgendwelchen Zuckerstücken mit verschiedenen Geschmacksrichtungen verziert ist, die man beim Essen aber bitte auseinanderhalten soll, sonst ist der Gastgeber beleidigt, ausserdem noch einen ganzen Haufen spezieller Regionen im Kuchen, wo die gleichen Dinge verschieden aussehen oder umgekehrt, so dass man sich auf das Unterscheiden von Süss und Süss...

Das mag manchem jetzt etwas seltsam vorkommen, daher will ich nun konkret auf die Sprache eingehen, die möglichst schnell zu lernen hier zu meinen Aufgaben gehört und die ich durchaus ganz gerne habe. Da ein Kuchen ja auch wenn er zu süss ist noch etwas lecker sein kann, hat das Georgische auch für den Lernenden sehr angenehme Eigenschaften. Vor allem sind dies das Fehlen von Artikeln und der freie Satzbau, selbst Fragen werden nur durch die Stimme angezeigt. Wie Wahrscheinlichkeit, ohne die Sprache wirklich zu beherrschen, in einem Satz einen Fehler zu machen, wird dadurch von Unendlich auf irgendetwas dicht unter 100% reduziert.

Die Komplexität der Georgischen Verben gleicht nämlich die eben genannte Einfachheit fast wieder aus. Dank des freien Satzbaus heissen "Du mir gibst Brot", "Brot du mir gibst", "Gibst Brot du mir", "Gibst du mir Brot" usw. alle "Du gibst mir Brot". Jetzt kommt das Verb ins Spiel: Da es an Subjekt und Objekt angeglichen wird, können in diesem Beispiel die Pronomen weggelassen werden, so dass das ganze auf "Brot gibst" und "gibst Brot" zusammenfällt. Das Deutsche sagt hier nicht, wem etwas gegeben wird, das Georgische schon (პურს მაძლევ: p'urs

madslew: Du gibst mir Brot). Das Verb kann weiter auch anzeigen, für wen die Handlung geschieht. Ob ich z.B.

ein Bild für mich oder für ihn male, kann, je nach Zeit und Verb, durch einen Vokal vor der Verbwurzel ausgedrückt werden.

Das Georgische kennt eine ganze Reihen von Zeiten, von denen mindestens die "Grundzeiten" Präsens, Futur, Aorist und Perfekt, nicht zuverlässig von einander abgeleitet werden können. Weitere wichtige Dinge wie Konjunktive sind aber immerhin meist von einer dieser Zeiten ableitbar. Die Verben lassen sich grob in drei Konjugationen einteilen, so dass sich aus der Kenntnis eines Verbes, gebeugt für eine Person in allen Zeiten, im allgemeinen die anderen Personen ableiten lassen, in manchen Fällen ausser der dritten. Die Grundform, das Verbalnomen (z.B. "das Gehen"), gibt hingegen nichts als bei einigen Verben die Grundlage, verschiedene Verbformen zu raten. Verlässlich ist das in keiner Weise. Um die Sache noch komplizierter zu gestalten (möglicherweise gibt es einen anderen, sehr bedeutenden, Grund. Vielleicht das Gegenteil, denn manchmal ist es auch ganz praktisch), vertauschen einige Verben Subjekt- und Objektfall, so dass das Subjekt im Dativ und das Objekt im Nominativ auftritt. Dies betrifft bei manchen Verben nur einzelne Zeitgruppen, vor allem die Perfektgruppe, bei anderen alle Zeiten. Ausserdem gibt es Verben, die in der Aoristgruppe einen speziellen Subjektfall, den Ergativ, verlangen, einmal abgesehen von Ausnahmen, die das auch im Präsens tun.

Im Moment verwende ich beim Sprechen, wenn ich grosses Glück habe, manchmal den Dativ, ansonsten ist alles Nominativ oder Genitiv (ev. noch Vokativ, Instrumentalis oder Adverbialis, aber das sind keine Objekt-/Subjektfälle)...

Die Georgischen Verben für die Zeiten der Futur-, Aorist- und Perfektgruppe werden oft durch ein Präverb perfektiviert. Ausser im Futur gibt es dann meist auch eine imperfekte Version. Nebst der Perfektivierung beeinflusst das Präverb ähnlich wie im Deutschen auch die Bedeutung des Verbes (auf Deutsch z.B. legen: auflegen, umlegen, überlegen ...) Da das Präverb aber bei den meisten Verben im Präsens nicht verwendet wird, würde das Deutsche "legen" im Präsens eben legen, auflegen, umlegen, verlegen, zerlegen, usw. bedeuten. Diese Bedeutungen habe nicht unbedingt etwas mit einander zu tun, so heisst z.B. "ის იხდის" (is ichdis) "er feiert", "er zieht aus" und "er bezahlt", wobei "feiern" und "bezahlen" grundsätzlich gleich sind, d.h. auch dasselbe Präverb haben. Diese Mehrdeutigkeit ist recht häufig, auch mit noch wesentlich mehr Bedeutungen.

Jetzt zu den grossen Kuchenstücken: Von der Schule her gewöhnt, schnell englische und vor allem französische Wörter zu lernen, erweist sich das Georgische als sehr mühsam. Oft unterscheiden sich Worte nur durch einen, für meine Ohren sehr ähnlichen, Konsonanten. Ausserdem enthalten sie oft drei oder sogar mehr Konsonanten hintereinander, die ich mir nicht recht merken kann. Weiter sind sie oft lang, wobei viele aus einer ganzen Reihe von Suffixen und Affixen bestehen, die bei vielen Worten vorkommen. In einem solchen Falle erweisen sie sich öfters als von der, vielleicht nur einen Konsonanten langen, Wurzel eines Verbes abgeleitet. Vor einiger Zeit erkannte ich z.B., dass "მნიშვნელოვანი" (mnischwnelowani: wichtig) tatsächlich მნიშვნელოვანი ist, weil es verwendet wird, obwohl es so viel zu lang ist, dass ich es erst als "nicht brauchbar" nur sehr halbherzig gelernt hatte (das darf man halt nicht machen). Ähnlich steht es um andere wichtige Worte.

Soweit ein paar Kleinigkeiten, über was man beim Georgischlernen stolpert, ich jedenfalls. Die Georgischsprechenden meiner Leser sind natürlich herzlich eingeladen, eventuelle Fehler in meinem Grammatikverständnis in den Kommentaren mitzuteilen. Den anderen kann ich nur empfehlen, Georgisch zu lernen, damit მე და შენ ("me da shen", ich und du, wie sie hier anstatt "wir (zusammen/uns)" sagen) uns mehr konsonantisch unterhalten können (was das bringt, ist eine andere Frage, und ich möchte doch gerade aufhören zu schreiben).

Daher, eine schöne restliche Adventszeit und frohe Weihnachten!

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