01. Oktober 2016

Ein Jahr später

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute - das tut sie offenbar.

Nun ist es beinahe ein Jahr und zwei Monate her, dass ich aus Temi abgereist bin und halb schlafend in Istanbul am Flughafen auf meinen Anschlussflug nach Basel wartete, noch ohne wirklich zu merken, dass die wunderbare Zeit in Georgien gerade zu Ende gegangen war. Jetzt gerade bin ich wieder einmal an diesem Flughafen und warte die üblichen fünf Stunden, die man als Fluggast bei Pegasus zwischen Basel und Tbilisi hier abzusitzen hat. Seit meiner Abreise letzten Sommer war ich gerade zum dritten mal wieder in Temi.

Und da sich auch auf den Blog noch hin und wieder jemand verirrt, habe ich beschlossen, ein bisschen zu berichten.


Ob es mir bei den Besuchen mehr darum ging, mich von meiner ehemaligen Englischschülerin boxen zu lassen - es ist anscheinend sehr lustig, wenn ich sage, das tue weh - oder mehr darum, mir von einem anderen bei jeder Gelegenheit die Haare durchwühlen zu lassen, weil die ihm anscheinend so gefallen, ist nicht ganz klar. In jedem Fall habe ich viele liebe Menschen wiedergesehen und ein bisschen das Temi-Leben genossen.

Nach dem ich ein Semester meines Physikstudiums an der ETH Zürich hinter mich gebracht hatte, habe ich die erste Gelegenheit genutzt und bin mit einem Freund nach Georgien gefahren. Eine knappe Woche, über Neujahr, waren wir in Temi, dann sind wir weiter durch das winterliche Land gereist. Es war eine sehr schöne Reise, mit der ich viel nachholte, was ich im Jahr davor anzuschauen versäumt hatte.


Strandpromenade von Batumi im Januar

In Temi bekamen wir einen unglaublich herzlichen Empfang und dann war ich einfach wieder zu Hause. Viel war und ist immer noch genau so wie früher, die meisten sozialen Strukturen und Eigenarten der Leute haben sich kaum verändert, man zankt noch immer täglich wegen den selben Kleinigkeiten, sitzt den ganzen Tag an den alten Orten und alle Häuser stehen noch am selben platz.

Die Betreuten hatten, wohl wetterbedingt, teilweise eher schlechte Laune, was mir im Vergleich zum Sommer doch sehr auffiel. Die kleinsten Kinder sind unglaublich gewachsen und bei den Betreuten gab es einzelne "personelle Veränderungen". Die Freiwilligen hatten ihre Plätze gefunden und machten gute Arbeit. Natürlich anders als wir, das ist eine wesentliche Eigenart von Temi, dass die Freiwilligen machen, was sie selber für nötig halten und zwar so, wie sie wollen. Eine andere Beziehung zur Leitung ermöglichte ihnen z.B. mit gewissen Betreuten, die wir nicht hätten mitnehmen dürfen, grosse Spaziergänge zu machen.


Blick vom Baumhaus über Temi und Gremi

Mein zweiter Besuch war im Juni, diesmal für 10 Tage und alleine (Anschliessend war ich noch mit dem älteren meiner Brüder in Svanetien wandern). Jetzt im Sommer ging es den im Winter schlecht Gelaunten wieder gut, was bei manchen teilweise auch auf die Arbeit der Freiwilligen zurückzuführen ist. Ein Kind war geboren worden - Nikolosi, Sohn eines betreuten Ehepaares, und es gab überall viel zu tun.


Blick auf den Tednuldi von Süden

Die Freiwilligen hatten das "grüne" oder "neue" Haus, in dem die meisten Betreuten wohnen, von innen neu gestrichen, es gab Tanzunterricht und von den Freiwilligen nach Anleitung einer Psychologin gegebene Maltherapiestunden. Mein alter "Arbeitsplatz" war grösstenteils noch frei, so dass ich unser Klavier etwas nachjustierte, ein paar schwarze Tasten ersetzte und in bisschen stimmte, und auf Bitten des Temipräsidenten das Kamerasystem überprüfte (ein Transformator war durchgebrannt). Ansonsten spielte ich mit den Kindern und Betreuten, mehr als ich das vor einem Jahr ausgehalten hätte.


Zelten vor dem Shkhara bei Ushguli, dem (wenn man will) höchsten Dorf Europas


Adischi, ein Dorf auf dem Weg von Uschguli nach Mestia.


Hinter dem kleine Berg im Zentrum liegt Mestia

Nachdem ich für die "Basisprüfung" für zwei Monate in Zürich gewesen war, bin ich dann Ende August wieder zurück nach Georgien gereist - diesmal waren meine damaligen Mitfreiwilligen auch im Land, so dass ich viel Zeit mir ihnen verbrachte. Zwei Wochen lang war ich auch in Temi, kurz war unser ganzer Freiwilligenjahrgang zusammen dort, wie früher! Diesmal gab es Geigenbögen zu reparieren (im Juni hatten wir das schon flüchtig gemacht, weil wir die Geigen brauchten, jetzt nochmal ordentlicher), wie immer mit Kindern und Betreuten alles mögliche zu machen, die schon wieder neuen Freiwilligen kennen zu lernen und Wein zu ernten.


Mit ein paar ehemaligen Freiwilligen war ich wegen schlechtem Wetter in Georgien zwischendurch in Yerevan. Im Hintergrund der Ararat.


In der Nähe der türkisch-armenischen Grenze liegt das Kloster Khor-Virap. Bei besserem Wetter sähe man den Ararat rechts vom Bild.


Der Sevan-See mit zugehörigem Kloster, ein Tagesausflug von Yerevan aus.

Nebst den neuen Freiwilligen, sehr nette Leute, die, soweit ich das sehe, sehr einfühlsam, gut und verantwortungsvoll arbeiten, gab es auch ein paar andere wesentliche Veränderungen. Z.B. ist Lëila, die sich um die Gärten gekümmert hat, nicht mehr in Temi. Was jetzt im Garten passiert, wird sich zeigen, irgendetwas scheint aber immerhin zu passieren. Und es gibt jetzt dunkles Brot aus eigenem Getreide, das bis vor einer Woche sogar von einem deutschen Bäcker gebacken wurde! (Mal sehen, wie lange das noch weitergeführt wird, denn viele Georgier mögen kein dunkles Brot, das gab es immer auf dem Land, wo man sich nichts "besseres" leisten konnte.)


Ein paar Tage war ich auch bei der Weinernte dabei. Hinten rechts die Häuser von Temi.

Die Weinernte ist dieses Jahr nicht ganz so gut wie zu unserer Zeit und geht voraussichtlich nur halb so lange. Auch ist das Wetter viel kühler als damals, was das Ernten wesentlich angenehmer macht. Mehr als letztes Jahr ist es aber auf jeden Fall, denn da wurde die ganze Ernte von einem Hagel zerstört.


Von unserer Arbeit während des Freiwilligendienstes sind durchaus noch einige Spuren zu erkenne, im Haus hängen hie und da noch Kunstwerke aus unserer Freiwilligengeneration - seien es nun Origami-Kraniche oder Malereien von Betreuten. Von unseren "Bauten" sind die meisten auch noch da, allen voran die Klangliege, die auch rege Anwendung findet. Das Klavier leidet etwas, da es doch leicht mit einem Stuhl oder so verwechselt wird. Schön ist, wie die Kinder unsere Englisch-Klatschspielchen noch können, mit mehr Text als ich vor einem Jahr meinte wüssten sie, obwohl diese Form des Englischunterrichts leider nicht weitergeführt wurde. Die jetzigen Freiwilligen wollen aber etwas ähnliches versuchen. Bei manchen Betreuten ist es schwer zu sehen, ob sie sich überhaupt noch an uns erinnern, aber das ein oder andere Spiel, Lied oder Sprüchlein von uns taucht doch hin und wieder auf und zeigt seine alte Wirkung.


An sich sieht alles noch aus wie früher.


Das Restaurant

Das Temi Restaurant ist jetzt übrigens für allgemeine Besucher geöffnet, man muss sich nur vorher Anmelden. Es gibt Wein, Essen und sogar einen Fahrradverleih. (http://temi-community.com/tours.php) Also - wer nach Georgien fährt, sollte dort einmal vorbeischauen.


So bin ich wesentlich früher und öfter nach Temi zurückgekommen, als ich gedacht hätte. Dorthin heim zu kommen ist wunderbar, als Gast kann man sich ausserdem einigen Einsatz leisten, den man sonst vermieden hätte, wie ein Zimmer voller Kinder in der Mittagspause bzw. einfach keine Pausen, dafür muss man aber leider auch nach zu kurzer Zeit schon wieder gehen.

Auch hier am Flughafen Sabiha Gokcen bin ich schon recht zuhause, und es ist unterdessen langsam Zeit, das mein Gate bekanntgegeben wird, das passiert hier nämlich erst ca. eine Stunde vor Abflug.


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